Natalia Stachon
A Plot of Undiscovered Ground 

27. April – 22. Juni 2019

Eröffnung: 26. April 2019 | 19 – 21Uhr

Künstleringespräch: 11. Mai 2019, 16 Uhr | Ludwig Engel im Gespräch mit Natalia Stachon

 

Zwei- oder dreimal am Tag ging sie durch alle Hotels am Strip und auch einige in der Innenstadt. Allmählich entwickelte sie eine Gier nach jener körperlichen Empfindung, die sich im Augenblick des Betretens und Verlassens von Gebäuden einstellte nach dem Temperaturschock, dem heißen Winter draußen und der schweren kalten Luft drinnen. Sie dachte an nichts. Ihr Geist war ein leeres Band, täglich bespielt von mitgehörten Gesprächsfetzen (…).*

 

Die amerikanische Journalistin und Autorin Joan Didion (*1934) schrieb diese Zeilen in ihrem 1970 erschienenen Roman „Play it as it lays“ („Spiel dein Spiel“). Die Sprache Didions ist wie ein präzise geeichtes Messinstrument: klar, ungekünstelt, direkt, unsentimental. Durch sie gelingt es ihr, die Ambivalenzen und Zerwürfnisse ihrer Figuren aufzudecken und zu untersuchen, und zwar in tiefem Wissen darüber, dass die Verfasstheit ihrer Figuren unter dem komplexen Einfluss einer sich stets wandelnden Gesellschaft steht. In dem zitierten Text wandelt Maria, eine Schauspielerin aus Hollywood über den Las Vegas Strip. Sie befindet sich an einer Schwelle in ihrem Leben. Haltlos irrt sie umher, von einem öffentlichen Gebäude zum nächsten, fährt endlos an den Highways entlang und sucht in dieser vermeintlich funktionierenden, von Menschen gemachten Kulisse nach einer Anknüpfung. 

 

Dieser Text ist der atmosphärische Ausgangspunkt für die neue Zeichnungsserie „Visions and Revisions“ (2018/19) von Natalia Stachon. Der Protagonist hier ist die Gesellschaft selbst, die im Wandel begriffen ist, in der alte Ordnungen zerbrechen und neue im Taumel geschrieben werden. Auch in dieser Serie scheint ein äußeres, fast unheimliches Messinstrument am Werk zu sein: unbarmherzig und analytisch. Eine Maschine vielleicht, die diese Räume scheinbar zusammenhanglos scannt, unabhängig von ihrem Standort. Doch es gibt ein Gemeinsames: An diesen Orten wird Gesellschaft verhandelt. Es sind Akademien, Parlamente, Rathäuser, Universitäten, Schulen, Theater und Museen. Die Zeichnungen sind Zustandserfassungen. Wie Teststreifen verdeutlichen sie die Aktivität, die Reibung und Intensität, die in diesen Räumen im Zustand des Phasenwechsels und auf der Suche nach Neuordnung entstehen. Wie wird eine Neuordnung aussehen? Auf diese Frage scheint es derzeit keine adäquate Antwort zu geben. Die Werkgruppe „Visions and Revision“ versucht jedoch einer Stoßrichtung nachzuspüren. So nutzt die Künstlerin ein klassisches Medium, das der Zeichnung, und verknüpft es mit dem maschinellen technokratischen Blick einer Maschine, in der Überzeugung, dass eine gelungene Neuordnung immer nur in der Zusammenführung von Überliefertem und Neuem entstehen kann.

 

Die Ausstellung zeigt des Weiteren die neue, der Ausstellung ihren Titel gebende Neon-Installation „A Plot of Undiscovered Ground“ (2019) sowie eine Serie von Objekten mit dem Titel „Moments in Never“ (2019). Das Arrangement wirkt wie die Kulisse einer Kundgebung oder eines rätselhaften Treffens in einem jener Foyers oder Räume, die auch in den Zeichnungen der Künstlerin existieren. An den Wänden hängen transparente Objekte, die wie Lautsprecher anmuten, aufgereihte Metallständer, mit Neons verbunden, erinnern an Personenleitsysteme. Diese seltsame Ordnung folgt ihrer eigenen Logik, geprägt von Spiegelungen, Symmetrie und Wiederholungen. Die minimalistische Formensprache, die den meisten Werken der Künstlerin eigen ist, generiert eine Atmosphäre von vermeintlicher Leere und Stille. Doch Natalia Stachon schafft hier einen ambivalenten Ort des Übergangs, denn in dieser scheinbaren Ruhe erschallt die Frage nach dem Wohin noch dringlicher und die Notwendigkeit nach weiterführenden Handlungen erscheint noch unausweichlicher.

Natalia Stachon (*1976) lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Arbeiten sind derzeit im ZKM – Zentrum für Kunst und Medien,  Karlsruhe, in der Daimler Art Collection, Berlin, und in den Reinbeckhallen (Berlin) zu sehen und wurden u.a. ausgestellt in: Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg (2017/2015/2014); Kunsthalle Göppingen (2016); BWA Contemporary, Katowice (2015); n.b.k. Neuer Berliner Kunstverein, Berlin (2015); Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt (2014); Museo Santa Giulia, Brescia (2013); Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2013). Ihre Arbeiten befinden sich in wichtigen nationalen und internationalen Sammlungen wie: Museum Haus Konstruktiv, Zürich; Kupferstich-Kabinett, Berlin; ZKM, Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe; Daimler Kunstsammlung, Berlin/Stuttgart; Menil Collection, Houston.

* Joan Didion, Spiel dein Spiel, 1995, Hamburg, S. 99