Rudolf Schäfer | Reproduktion

16. Juli – 28. August 2021

Eröffnung: Donnerstag, 15. Juli 2021, 19–21 Uhr

 

 

40 Jahre nachdem Rudolf Schäfer den Zyklus Reproduktion fotografiert hat, freut sich LOOCK, die groß angelegte Studie über die ostdeutsche Gesellschaft wieder in Gänze zeigen zu können. Mit der erstmaligen Ausstellung der Arbeit in der Galerie Sophienstraße 8 im Jahr 1984 avancierte Schäfer zu einer wichtigen Figur der DDR-Fotoszene und fand auch international Anerkennung. Da die 44 Motive seither nicht mehr zusammen gezeigt wurden, leistet die Ausstellung bei LOOCK eine Rekonstruktion deutscher Fotografiegeschichte.
Unterteilt in die fünf Kapitel—Kriegsspuren, Totengesichter, Porträts, Stadtbild und Generation—zeichnet die Arbeit das subtile Bild einer Gesellschaft, wie es von der offiziellen Kulturpolitik nicht vorgesehen war. So fotografierte Schäfer die von Zerfall und Leere geprägte urbane Topografie Ost-Berlins, junge Menschen im Kollektiv sowie jüngst Verstorbene—vereint in der Frage nach Zeit und Vergänglichkeit. Dabei spielt er mit einer „imaginierten Objektivität“, die technische Präzision der Großformatkamera und Schäfers kompositorische Zurückhaltung suggerieren ein dokumentarisch-statisches Interesse an seinen Sujets. Trotz ihrer zeitlichen und räumlichen Verankerung werden die vermeintlich emotional aufgeladenen Motive über Schäfers Darstellung in einen analytisch-zeitlosen Raum überführt. Die unsentimentale und doch würdevolle Bildsprache dient als Mittel zum Zweck: Der Tod, die Zerstörung, der generationelle Umbruch—alles wird verwandelt, um einen konzentrierten Blick auf die Dinge und ihr Wesen zu gewähren.
Der Titel Reproduktion offenbart nicht nur, dass sich Schäfer den Grenzen seines aufwändigen foto-grafischen Prozesses bewusst ist. Im gesellschaftlichen Kontext der Zeit konnte er vielmehr als Verweis auf eine dezidiert politische Lesart der Bilder verstanden werden. Reproduktion impliziert ebenfalls den marxistisch-leninistischen Begriff der „erweiterten Reproduktion“. Schäfer bediente sich also des DDR-Staatsjargons, um ironische Kritik an den Verhältnisse zu üben—von den auf visueller Ebene in sich ruhenden Bildern geht so eine potentiell destabilisierende Wirkung aus. Wenn es beim Fotografieren um mehr geht, als nur das Kapital der Realität zu akkumulieren, worin liegt dann das gesellschaftliche Potential der abgebildeten Personen und Objekte? Durch das Aneignen und Unterwandern von ideologisch sanktionierter Terminologie stellt Schäfer diese Frage, ohne sie zu beantworten. Reproduktion beleuchtet somit exemplarisch den Umgang ostdeutscher Fotografinnen und Fotografen mit dem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Ausdruck und staatlicher Ideologie.
Für die Ausstellung hat Rudolf Schäfer in den vergangenen zwei Jahren die gesamte Arbeit im Platinum-Palladium-Verfahren neu abgezogen. Der einzig andere existente Satz befindet sich derzeit in der Sammlung der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Diese Ausstellung wird präsentiert von LOOCK, gefördert von NEUSTART KULTUR Stiftung Kunstfonds und ist Teil der BERLIN PHOTO WEEK 2021. Zudem wird Reproduktion von einem Ausstellungskatalog und Artist Talk begleitet.