forms ain‘t formats
Felix Becker, Fabian Hub, Frank Moll, Irina Ojovan, Yannick Riemer, Laura Sachs

29. Juni – 10. August 2019
Eröffnung: 28. Juni 2019 | 19 – 21 Uhr


Loock Galerie freut sich mit "forms ain’t formats" sechs junge Künstlerinnen und Künstler in Berlin vorzustellen. Allen sechs ist gemeinsam, die Leinwand als Bildträger und gleichzeitig als Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung zu behandeln. Es entstehen Bilder, die ebenso gut als Zeichnungen, Collagen, Reliefs, Assemblagen oder sogar Skulpturen interpretiert werden können. Allseits anzumerken ist die Verankerung im Medium der Malerei und ein grundlegendes Vertrauen in ihre Möglichkeiten. Die Ausstellenden haben außerdem gemein, dass sie ihr Studium kürzlich beendet haben oder kurz vor dem Abschluss stehen und bereits internationale Erfahrungen in Galerieausstellungen, Messebeteiligungen oder Artist-in-Residence-Programmen vorweisen können.

 

"forms ain’t formats" zeigt ausgewählte Arbeiten dieser sechs künstlerischen Positionen, um verschiedene Strategien einer Bildfindung zu diskutieren, welche die materielle Bedingtheit des Bildträgers als Gegenspieler – Widerpart, Counterpart, Antagonist – im Schaffensprozess nutzen. Im wohlbekannten Terrain des rechteckigen Bildformats kommen die sechs auf verschiedenen Wegen zu Bildern, die, ob mit oder ohne Bemühung von figurativen Darstellungen, ein ungewöhnlich hohes Maß an Narration und Räumlichkeit erzeugen. Die Formen und Figuren weisen über das Bildformat hinaus und treten in Kontakt mit ihrer unmittelbaren Umgebung. Dabei bleibt die Schaffung des Bildes als materielles Objekt stets nachvollziehbar. Es besteht die Möglichkeit das Gegebene weiterzudenken, in der Dialektik zwischen Material und Bild. 

 

Irina Ojovan schöpft ihre auf wenige geometrische Flächen reduzierten Bildkompositionen aus persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen, die sich wiederum aus architektonisch, räumlichen Partien, Richtungen, Schatten, Licht und emotionalen Empfindungen nähren. Es sind gewissermaßen Synthesen zeitübergreifender Erinnerungswelten, die Ojovan in abstrakte Formen übersetzt. Die Ausstellung zeigt zwei Malereien aus der Serie "Sarmizegetusa" (seit 2016), die primär aus zwei schwarzmonochromen Farbflächen unterschiedlicher Qualität, matt oder glänzend spiegelnd, bestehen. Allein dadurch scheint Ojovan die gesamte Fläche zwischen Hintergrund und Vordergrund, zwischen Transparenz und Undurchlässigkeit, zwischen dem Ephemeren und dem Beständigen abzustecken. Für die Künstlerin steht Schwarz sowohl für die Stille als auch für das Unsichtbare. Zeigen diese Bilder demnach soviel, wie sie uns nicht zeigen? Der Titel bezieht sich auf einen vergangenen Ort, das militärische, religiöse und politische Zentrum der Daker. Tatsächliche Geschichte, individuelle Erinnerungen und ein bis zur Perfektion getriebenes Austarieren weniger flächiger Bildelemente – in diesem Spannungsfeld bleibt das Material der Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung. Dabei öffnet jede Farbe und jedes Material eigene Emotionsräume und Assoziationsfelder. Ojovans erklärtes Ziel ist das Gleichgewicht zwischen gegebener und vorenthaltener malerischer Information und Betrachtungs-Aktion zu finden und zu halten.

 

Freie Assoziationsflächen finden wir bei den Arbeiten von Laura Sachs. Sie bearbeitet die Oberfläche der Leinwand von allen Seiten: Bei einigen Leinwänden wird die Farbe von hinten durch den Stoff gemalt, bis sich partiell schwarze Bereiche auf der Vorderseite durchdrücken. Staubspuren setzen sich während des Mal- und Bearbeitungsprozess auf dem Stoff ab und werden in das Entstehen des Werkes eingebunden. Sind es überbelichtete Filmstreifen aus einem weit entfernten Jahrzehnt? Oder abgenutzte Kassettendeckel? Eine Mondlandschaft? Die Assoziationen werden durch einen geraden Streifen, der von der oberen Bildkante senkrecht hinunterläuft, entschieden gebrochen. Handelt es sich um eine Barnett Newman’sche Grenzziehung zwischen zwei unterschiedlichen Malereidimensionen? Wohl kaum, denn der Streifen, so entschlossen er auch gesetzt ist, verläuft nicht konsequent bis zur unteren Leinwandkante, sondern endet abrupt inmitten der Bildfläche. Damit öffnet Sachs das Leinwandformat einerseits im Hinblick auf die Fläche – den minimalistischen Malereien Julije Knifers verwandt, hebt der schwarze Streifen, wie eine Kluft, die flächige Leinwand heraus und verwandelt sie in potentiellen Raum. Andererseits stellt sich bei Sachs der schwarze Streifen als Metallleiste heraus, die skulpturenhaft, schwer und akkurat im Kontrast zu dem natürlichen Baumwollstoff die Tiefe der Leinwand gleichermaßen zu begrenzen scheint, wie die Wand, an der sie hängt. 

 

Frank Moll betont das Leinwandformat durch horizontal verlaufende Streifen, die durch dicht aufeinanderfolgende, vertikale Unterbrechungen erst in unserem Auge geformt werden. Akribisch genau setzen sie an den gleichen Stellen aus, sodass Streifen wie Unterbrechungen einer unsichtbaren Spur zu folgen scheinen. Dabei entsteht der Eindruck, als schwebten sie im malerischen Raum oder lägen wie Gitter auf der Leinwand. Moll arbeitet gezielt in Schichten, um Streifen und Striche aus dem Material der Farbe herauszuarbeiten und um Verdecktes wieder an die Oberfläche zu bringen. Die horizontalen Streifen beschreiben partiell wellenartige Formen, sodass Assoziationen an Frequenzgrafiken aus dem medizinischen oder musikalischen Bereich geweckt werden. Molls " string paintings" können in erweitertem Sinne also als pulsgebende oder komponierende Malerei verstanden werden. Ihre ursprüngliche Inspiration findet sich in May Spils Film "Zur Sache Schätzchen", in welchem Martin gespielt von Werner Emke sein Leben in Kreuzen aufreiht und jeden Tag eins durchstreicht. "Angenommen ich werde 50" ist der Titel eines Triptychons von Moll, das die Figur Martins zitiert und dessen Durchstreichlogik als abstrahierte Darstellung von gelebter Zeit weiterdenkt. Streifen als Tage eines ganzen Menschenlebens? Was könnten die Wellenformen bedeuten? Dass die Tage kürzer waren? Aufregender? Oder einfach nur das Essen schlechter?

 

Die grafische Darstellung von Kodierungen und Verschlüsselungssystemen ist der Nährboden für die Arbeiten von Yannick Riemer. Aus der Übernahme und Veränderung solcher Codes und Zeichen entwickelt der Künstler ein eigenes Netz aus kryptischen Sprach- und Symbolfragmenten, die er im Arbeitsprozess allmählich verdichtet, bis diese kaum oder gar nicht mehr entschlüsselt werden können. Es entsteht eine Welt, die vielerorts zur Interpretation einlädt, sich aber niemals zugänglich zeigt. Auf Papier oder Leinwand überlagern sich die gestalterischen Mittel, die bei Riemer bevorzugt in der Collage, Zeichnung, Malerei und dem Siebdruck zu finden sind. Die Verdichtung der Zeichen und Symbole setzt sich über die einzelnen Bildträger fort, indem die Fragmente kopiert, vergrößert, gespiegelt, transformiert, abgedruckt und neu zusammengesetzt werden. In seinen neusten Arbeiten beschäftigt sich Riemer mit pseudowissenschaftlichen Theorien, die grundlegende Standpunkte und Erkenntnisse der Wissenschaft anzweifeln. Generationsübergreifende Ängste, die Suche nach Sicherheit und die Formulierung absurder Weltbilder wird zum thematischen Ausgangspunkt für neue Kompositionen und der Erweiterung Riemers Zeichenvokabulars. Dazu benutzt der Künstler alte, ausrangierte, topografische Karten als Bildmaterial, die er zerschneidet und in seinen dichten, grenzenlos anmutenden Zeichenkosmos einfügt.

 

Sofern sich der Blick in den rauchigen, Nebelschwaden-artigen Wolkengebilden verirrt, scheint der Bildraum bei Fabian Hub unendlich zu sein. Halt geben Bildelemente, die nicht entschieden gesetzt, sondern entschieden herausgearbeitet sind. Den Bildern geht ein langer, physischer Findungsprozess voraus, der seinen Anfang in ersten Strichen und Notizen mit Zeichenkohle, die direkt auf der Leinwand platziert werden, hat. Immer wieder werden Partien übermalt, radiert, erneut gesetzt, erweitert und ausformuliert. Der Künstler collagiert mit Papier, Fotografien, bemalten Leinwandresten und Zeichnungen, die sich ebenso wie Kohle und Farbe im gesamten Bildfindungsprozess behaupten müssen und stückweise wieder herausgerissen werden. Wenn etwas doch zusammengehört, wird es in chirurgischer Diktion wieder aneinandergefügt. Bisweilen nutzt er die tatsächliche Tiefe des Keilrahmens für eine räumliche Anordnung der Bildfragmente, sodass, einer Assemblage gleich, die dreidimensionale Qualität des Leinwand-Bildes unterstützt wird. Was Hubs Malerei jedoch beispielsweise von den "Combine Paintings" Robert Rauschenbergs unterscheidet, ist dessen Konzentration auf das Leinwandformat. Während der Überhang von Materialassemblagen, aus dem Format heraus in den Ausstellungsraum hinein, als ausladende Geste gewertet werden kann, scheinen sich die Gesten Hubs, nicht nur in das Format, sondern in die Konzeption von Malerei als Resonanzkörper, einzubetten. Spürbar wird hier die Befragung der eigenen Intuition des Künstlers. Welche Spur hinterlasse ich heute? Welche Gedanken kreisen in meinem Kopf? Und was kann davon überhaupt morgen noch wichtig sein?

 

Der physische Prozess der Bildfindung tritt ebenso in den Malereien von Felix Becker hervor. Seine Leinwände tragen ein deutliches Übermaß an Farbe, aus dem er das Bild herausarbeitet. Die klassischen Materialien des reinen Leinenstoffs und der Ölfarbe, sowie die gewählte Menge der Farbe sind dabei eine Überbetonung des Sujets und eine Überbetonung des Figurativen, das Material ist. Konkrete Figuren allerdings suchen wir bei Becker vergeblich. Sie scheinen sich, wie alles andere, das sich andeutet, in der Farbe zu verstecken und nur durch ihre dreidimensionale Form aus dem Format in den Raum zu wachsen. Becker interessieren Farben, die sich nur in Zwischenbereichen definieren lassen: Grünblau, Graurosa, Schwarzblau, Rotorange oder Mintweiß. Die Wahl und die Anmischung der Farbe, sowie die Größe des Bildträgers sind gewissermaßen die einzigen Prämissen der Bildentstehung. Wenn es fertig ist, ruft es möglicherweise spezifische Imaginationen hervor. Doch Becker intendiert diese nur bedingt. Stattdessen sucht er die Mitsprache des Materials und dessen eigene Entscheidungsfindung. Bedeutsam für seinen Malprozess ist zudem das Arbeiten in monochromen Farbschichten, die reliefartig immer die ganze Leinwand überdecken. Damit ist auch die Verneinung von Darunterliegendem mitgedacht. Wir sehen ein „gewachsenes“ Bild, das mehrere Bildstadien durchlebt hat, von denen partiell noch Strukturen sichtbar oder spürbar bleiben. Ein Bild also, das wir in gewissem Sinne nicht sehen oder niemals vollständig erfassen können. 

 

"forms ain´t formats" spannt einen Bogen zwischen konkreter, konstruierter Malerei, die sich gezielt in bestimmten Materialien manifestiert, hin zu Bildern, die erst innerhalb eines physischen Dialogs des Künstlers mit den gestalterischen Mitteln entschieden werden. Wir finden in den Arbeiten einerseits die Imagination, die sich materialisiert und andererseits das Material, das zu Imagination wird. 

 

kuratiert von Miriam Jesske