Gabriele Stötzer, dem Herzen Folgen, 1986, Gouache, Plakatfarbe auf Papier
Gabriele Stötzer – Beginnen im Rinnen der Zeit
20. Juni – 4. September, 2026
Eröffnung | Freitag, 19. Juni 2026 | 15 – 20 Uhr
Mi – Sa | 12 – 18 Uhr
im alten haus meiner mutter, das ich zu einem atelier umbauen will, sagte ich meinen freunden, die mir dabei helfen, dass ich oben wo wir nachts als kinder mit topf schliefen, eine toilette neben einem waschbecken an der wand anbringen möchte. sie waren sehr erstaunt, dass ich keine schutzwand davor haben wollte. um ihnen zu imponieren, kaufte ich ein toilettenbecken, malte es an und ließ es bei einer keramikerin im ofen brennen. als kunstgegenstand getarnt, akzeptierten sie es.
mich hat es aber danach zum grübeln gebracht: woher kam meine unbeschwertheit mit einem toilettenbecken freihängend im raum?
und dann fiel es mir ein: in der stasi-u-haftzelle in erfurt, wo ich 1977 fünf monate gefangen auf meinen prozeß wartete, hing das toilettenbecken neben waschbecken, tisch und bett und musste von allen darin lebenden menschen bedient werden. da ging ich zurück in meine ehemalige u-haftzelle in erfurt und fotografierte eine toilette neben der knasttür. (Gabriele Stötzer, wiederkehrendes wissen, Juni 2026).
LOOCK Galerie freut sich die Ausstellung Beginnen im Rinnen der Zeit mit Werken von Gabriele Stötzer zu präsentieren. Durch künstlerische Akte der Selbsterkundung und Selbstbehauptung setzt sich Stötzer immer wieder mit kulturellen, sozialen und politischen Strukturen auseinander und widersetzt sich ihnen. Ihr neuestes Werk schwungvoll in linien (2026), eine bemalte Toilette aus Meissner Porzellan, stehend im Zentrum des Galerieraumes, reflektiert ihre Zeit im ostdeutschen Frauengefängnis Hoheneck. Gezeigt wird diese neben Zeichnungen aus den 1980er Jahren bis heute.
Gabriele Stötzer (*1953 in Emleben, Thüringen) lebt und arbeitet in Erfurt. Die Künstlerin erhielt 2024 den Pauli-Preis Bremen und wurde in diesem Jahr mit dem renommierten Kaiserring Goslar ausgezeichnet.
Stötzers Arbeiten wurden unter anderem in folgenden Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt: MUZEUM SUSCH, Schweiz; Kunststiftung DZ Bank, Frankfurt am Main; Berlin Biennale; Deutsches Hygiene-Museum Dresden (2025); Kunsthaus Erfurt (2024); Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge, USA (2024, 2023); Phoenix Art Museum, USA; Vancouver Art Gallery, Kanada; Galerie Pankow, Berlin; National Gallery of Art, Vilnius, Litauen (2023); neue Gesellschaft für bildende Künste, Berlin (2022); Les Rencontres de la photographie d‘Arles; GfZK Leipzig (2019); und Klassikstiftung Weimar (2013).
Werke von Gabriele Stötzer befinden sich in folgenden Sammlungen: Berlinische Galerie, Museum für Moderne Kunst, Berlin; Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge; Bundeskunstsammlung für zeitgenössischer Kunst; Kunsthalle Bremen; DZ Bank Kunststiftung, Frankfurt am Main; Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Magdeburg; Staatliches Museum Schwerin; Städel Museum, Frankfurt am Main; Klassik Stiftung Weimar; Getty Museum, Los Angeles; Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Cottbus; Staatliche Graphische Sammlung München; SAMMLUNG VERBUND, Vienna; Walker Art Center, Minneapolis; Hasso Plattner Foundation, Potsdam; and Josef Albers Museum Quadrat Bottrop.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen
16.06.–06.12.2026
Gabriele Stötzer, Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen, 1983
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen
Seit über fünf Jahrzehnten setzt sich Gabriele Stötzer mit Themen wie Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Geschlecht auseinander. Ihr eigener Körper spielt dabei oft eine zentrale Rolle – nicht als Objekt, sondern als Schauplatz von Widerstand und feministischer Selbstbehauptung. Mit Dabei sein und nicht schweigen zeigt der Gropius Bau ab Juni 2026 die bislang größte institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin.
Gabriele Stötzers künstlerische Praxis ist untrennbar mit ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement verbunden: Wegen einer Unterschriftenaktion wurde sie 1976 mit dem Vorwurf der „Staatsverleumdung“ in der DDR inhaftiert, woraufhin sie sich dem literarisch-künstlerischen Untergrund anschloss und später die Künstlerinnengruppe Erfurt mitbegründete. Viele ihrer Werke formulieren radikale Gegenentwürfe zu staatlicher Repression und Normierung, indem sie Grenzen unterwandern und Raum für Verletzlichkeit und Sehnsucht öffnen. Die Ausstellung unterstreicht mit rund 150 Arbeiten die Vielfalt ihres experimentellen Schaffens zwischen Malerei, Literatur, Fotografie, Textilkunst, Super-8-Film, Performance und Aktionen im öffentlichen Raum – und versteht sich als Impuls für die überfällige breitere Rezeption dieser wegweisenden Künstlerin.
Kuratiert von Julia Grosse, freie Kuratorin, mit Christopher Wierling, Assistenzkurator, Gropius Bau; Konzept: Julia Grosse und Franziska Schmidt, Leitung Kommunale Galerien Tempelhof-Schöneberg, Ausstellungsmanagement: Sophie Winckler, Projektleitung, mit Lisa Bockius, Volontariat Ausstellungen
Die Ausstellung wird vom 14. März bis 26. September 2027 im Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen sein. Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.