Glücksmaschine

05. März 2016 - 16. April 2016

In seinen Berglandschaften zeigt Peter Rösel Schauplätze von besonderer Schönheit: existenziell aufgeladene Grenzregionen zwischen Himmel und Erde, deren farbliche wie formale Reduktion reiche Nuancierungen offenbart. Rösels Gebirge sind dank eines seitlich aufgestempelten GPS-Codes als individuelle Orte ausgewiesen und bleiben doch immer auch Allgemeinplätze – allzu sehr ist das Motiv mit Kunst- und Filmgeschichte gesättigt. So ruhen Rösels Gipfelgemälde fest auf dem Boden kollektiver Bilderfahrungen, über denen sich die Hochgebirge individueller Imaginationen türmen: Abenteuerlust und Kindheitsträume, Fernweh oder Freiheitsdrang mögen sich ebenso regen wie Kitschvorbehalt und Idyllenallergie. Die emotionale Aufladung lässt sich von einem malerischen Illusionismus entfachen, der uns auch wider besseres Wissen einfängt: Selbst der GPS-gestützte Seitenblick, der die Bergwelten in flach gespannte Baumwollstreifen verwandelt, mindert nicht unsere Verführbarkeit für deren Wirkung als „Fenster zur Welt“. 

Die Grenzexkursionen, die Peter Rösel in die benachbarten Reiche der Ratio und des Imaginären unternimmt, können auch in seriös-clowneske Maschinen münden. Die tragbare Installation zur Darstellung der lokalen Erdumdrehungsgeschwindigkeit ist solch eine Apparatur. Sie hat Platz in einem Geigenkoffer und umfasst einen Mikroprozessor, Kabelspulen und zehn orangefarbene Tischtennisbälle. Die verkabelten und von innen mit LED-Leuchten präparierten Bälle lassen sich zu einer Länge ausspannen, die die Erdrotationsgeschwindigkeit am jeweiligen Ausstellungsort durch eine Abfolge von Lichtblitzen veranschaulicht. In einer für das menschliche Auge kaum wahrnehmbaren Zehntelsekunde durchmisst der Lichtlauf die gesamte Länge der Installation und konfrontiert den Betrachter mit der Tatsache, dass er, vermeintlich fest auf dem Hauptstadtboden stehend, in Wirklichkeit mit einer Geschwindigkeit von 282 Metern und 74 Zentimetern pro Sekunde durch das All rast. Diese schwindelerregende, die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengende Information wirft existenzielle Fragen auf: Was bedeutet es etwa für unsere Weltwahrnehmung, wenn Fakten die irrwitzigsten Fiktionen übertreffen? Und wie stabil fühlen sich unsere Lebensverhältnisse mit dem Wissen um unsere Grundgeschwindigkeit eigentlich an?

Eine weitere Zauberapparatur ist Peter Rösels Glücksmaschine. Die nachtschwarze Kugel birgt sechstausend unterschiedliche Silberblättchen und einen Auswurfmechanismus, der ihr – doch nur für ein einziges Mal – einen funkensprühenden Silberschauer entlocken kann. Im Ruhezustand lässt die Glücksmaschine an einen nach innen gestülpter Himmelsglobus denken; nicht von ungefähr entspricht die Menge der in ihrem Innern verborgenen Blättchen aus reinstem Silber der Anzahl der Sterne, die man theoretisch von der Erde aus mit bloßem Auge erkennen kann. Einmal in Gang gesetzt, würde die Kugel einen überwältigenden Sternenregen abfeuern. Aber möchte man dieses kurze Aufflackern ohne Wiederkehr wirklich riskieren? Oder liegt das Glücksversprechen der Maschine nicht vielmehr in der sehnsüchtigen Imagination des in ihr geborgenen Himmels und im Wissen um das schillernd eruptive Potenzial der Apparatur?

Ob man die Glücksmaschine als verantwortungsbewusster Eigentümer je aktivieren wird oder nicht – in jedem Fall gilt für sie wie für die Kunst von Peter Rösel überhaupt: Sie aktiviert uns.

(gekürzte Fassung eines Textes von Karsten Müller, Leiter des Ernst Barlach Haus Hamburg).

 

Peter Rösel (*1966) lebt und arbeitet in Berlin. Seine Arbeiten wurden in den letzten Jahren u.a an folgenden Institutionen zu sehen: Kochi-Muziris Biennale, Kochi, Indien; Media Art Lab, Moskau; Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn; Contemporary Art Museum, Kumamoto, Japan; Ernst-Balach-Haus, Hamburg;  Mori Art Museum, Tokio; Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main; National Art Gallery Namibia; Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main; Sprengel Museum, Hannover; Haus am Waldsee, Berlin; Kunsthalle, Bern. Seine Werke befinden sich in wichtigen nationalen und internationalen Sammlungen wie der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik, dem Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, Sprengel Museum Hannover, FRAC Alsace und FRAC Lorain. Seit 2007 ist er Professor an der Weißensee Kunsthochschule Berlin.