Alec Soth | Natalia Stachon | Ulrich Wüst
Topografien

 

Eröffnung: 8. September 2017 | 19–21Uhr
9. September – 20. Dezember 2017

 

Die Ausstellung „Topografien“ zeigt Fotografien von Alec Soth und Ulrich Wüst und neue Zeichnungen sowie eine Neon-Skulptur von Natalia Stachon. Sie alle vereint die künstlerische Beschäftigung mit Ambivalenzen: Ambivalenzen in urbanen und gesellschaftlichen aber auch physischen und emotionalen Räumen. Urbanität und Landschaft, insbesondere die fotografische Rezeption der US-amerikanischen Landschaft sind hier die Referenzpunkte. In den USA der 1970er Jahre wurde das Genre der Landschaftsfotografie von verschiedenen Fotografen wie Stephen Shore, Robert Adams, Ed Ruscha, Nicholas Nixon und Lewis Baltz neu entdeckt. Ihr Blick richtete sich analytisch, komplex und mit einer objektivierenden Bildsprache auf bebaute, vom Menschen gestaltete und gleichfalls zerstörte Landschaften der USA: Straßen, Lagerhäuser, Industrieareale, Parkplätze,  Stadtzentren und Peripherien. Damit widersetzten sie sich der anekdotischen und pittoresken Ausdrucksform der traditionellen amerikanischen Landschaftsfotografie eines Edward Weston oder Ansel Adams. Sie ästhetisierten das Banale und ließen die widersprüchlichen Zustände zwischen romantisierender Schönheit und Hässlichkeit, geographischer Weite und industrieller Verdichtung sowie Individualität und Masse aufeinander prallen.

Mit der Ausstellung „New Topographics: Photographs of a Man-altered Landscape“ (1975; George Eastman House; Rochester, New York) wurde innerhalb der Fotografie ein neues Genre geschaffen, welches bis heute richtungweisend ist. „Im Wesentlichen haben die Fotografen der New Topographics eine Art praktisches Wissen angewendet, um unzweifelhaft objektive Bilder herzustellen. Hinsichtlich der Logik der Auswahl und Präferenzen ist die Indifferenz eine adäquate Größe – sehr stabil in ihrer Symmetrie, Reflexivität und Transitivität.“*

Allen drei Künstlern ist die Spurensuche nach Einflüssen des Menschen auf die geographischen und topographischen Paradigmen von Landschaft gemeinsam. Alec Soth und Ulrich Wüst nutzen technische Apparat eund Schwarzweiß-Fotografie als Ausdrucksmittel ihrer Serien, während Natalia Stachon dokumentarisch-fotografische Bildfragmente zu Vorlagen für ihre Zeichnungen collagiert. 

Alec Soth (*1969) führt uns in der mit einer Mittelformat-Kamera fotografierten Serie „Looking for Love“ (1996) auf der immer währenden, zutiefst menschlichen Suche nach Liebe und Gemeinschaft durch Landschaften der sozialen Begegnung. Zersiedlung und Parzellierung  der Regionen durch omnipräsente Einheitsarchitekturen im zeitgenössischen Amerika sind hier transitorisches Moment und spiegeln die sozialen Beziehungen.

Auch Ulrich Wüst (*1949) fotografiert lokal. In Weiterführung seiner Serien „Stadtbilder“ (1979-1984), „Berlin Mitte“ (1995-1997) und „Morgenstraße“ (1998-2000) wendet er seine analytische Methode diesmal auf eine ländliche Region nördlich von Berlin an. In “DORF. Die Gemeinde Nordwestuckermark” (2014 ff.) fotografiert er innerhalb der administrativen Grenzen der Gemeinde Nordwestuckermark das ästhetische Zusammentreffen von ländlicher Idylle und einer komplexen Realität. 

Von Natalia Stachon (*1976) sind neue Zeichnungen aus der Serie „The History of Aberrations“ (2014-2017) zu sehen. Sie zeigen nächtliche Szenerien mit umgeknickten Strommasten und herunterhängenden Stromleitungen, die partiell von Scheinwerfern ausgeleuchtet werden. Sie wirken wie Filmstills aus einem fiktionalen Roadmovie. Des Weiteren ist eine neue Neon-Skulptur der Künstlerin zu sehen. Der Titel und der gleichnamige leuchtende Schriftzug „Mind Screens of the Earth“ (2017) gehen auf ein Zitat aus der Erzählung „Nova Express“ (1964) von William S. Burroughs zurück. Der Autor war ein unermüdlicher Reisender, der in vielen Gegenden der Welt gelebt hat. Gerade die Erfahrungen an unterschiedlichen Orten gelebt zu haben, haben seine Kunst beeinflusst und sein Verständnis von Welt geprägt: „Der Künstler zeigt einem die Geistesstraße der eigenen vergangenen Beziehungen.“, so Burroughs. In seiner Prosa verwebt er seine Eindrücke zu einem dichten Netz aus vielfältigen Schichten: durch die endlose Überlagerung von Sprache scheint alles ineinander zu greifen und so Sinn generiert. 

*aus: Britt Salvensen, in: New Topographics, Texte und Rezeption, Ausstellung Köln / Linz (2010/2011), S. 43.